Selbstführung: Warum gute Führung immer bei einem selbst beginnt
Aktualisiert: vor 4 Tagen

🧭 Manchmal merken wir erst unter Druck, wie wir uns eigentlich selbst führen.
Vor einigen Monaten erzählte mir eine Führungskraft in einem Coaching von einer Situation, die wahrscheinlich viele kennen. Der Kalender war voll, mehrere Entscheidungen mussten gleichzeitig getroffen werden und im Team warteten Menschen auf Orientierung. Nach aussen funktionierte alles. Termine wurden eingehalten, Aufgaben verteilt, Probleme gelöst.
Und trotzdem sagte er irgendwann einen Satz, der mir hängen geblieben ist:
„Ich habe das Gefühl, mich den ganzen Tag um die Anliegen der Anderen zu kümmern, und mich selbst dabei komplett zu verlieren.“
💡 Führung beginnt nicht bei Methoden, Tools oder Kommunikationstechniken. Sie beginnt bei der Frage, ob und wie gut ich mich selbst wahrnehme, verstehe und steuere.
Was Heisst "Selbstführung"?
Selbstführung bedeutet für mich nicht, mich permanent zu optimieren, möglichst wenig oder viele Lücken im Kalender zu managen oder sicherzustellen, dass meine Masken im Business Umfeld perfekt sitzt.
Es bedeutet vielmehr, die eigenen Gedanken, Gefühle, Bedürfnisse und Verhaltensmuster wahrzunehmen – und bewusst zu entscheiden, wie ich mit ihnen umgehen möchte.
Das klingt zunächst trivial - im Alltag ist es das häufig nicht.
Gerade Menschen mit Verantwortung reagieren unter Druck schnell aus Gewohnheit - nach "bewährten" Mustern. Der eine übernimmt noch mehr Aufgaben. Die andere versucht, es allen recht zu machen. Wieder jemand anderes zieht sich komplett zurück, kontrolliert stärker oder wird ungeduldig.
Solche Reaktionen sind nicht automatisch falsch, dienen oftmals als Selbstschutz. Problematisch werden sie dann, wenn sie gegenteilig verlaufen von dem, was mir in dem Moment eigentlich helfen würde. Und wir somit gar nicht mehr merken, dass wir eine Wahl hätten.
⚖️ Selbstführung schafft genau diesen kleinen Raum zwischen Reiz und Reaktion. Einen Moment, in dem ich mich fragen kann: Was passiert gerade in mir? Was brauche ich? Und welche Reaktion ist in dieser Situation wirklich hilfreich?
Warum Selbstführung für Führungskräfte besonders wichtig ist
Eine Führungsrolle verstärkt vieles. Verantwortung, Erwartungen, Konflikte, Unsicherheit und Zeitdruck gehören häufig zum Alltag. Gleichzeitig beobachten die Mitarbeitenden sehr genau, wie eine Führungskraft mit solchen Situationen umgeht.
Wenn ich selbst bei jeder Unsicherheit hektisch werde, wird es schwierig, meinem Team Ruhe zu vermitteln. Wenn ich meine eigenen Grenzen nicht wahrnehme, werde ich vermutlich auch die Grenzen anderer schlechter erkennen. Wenn ich Kritik persönlich nehme, fällt es mir schwerer, eine offene Feedbackkultur zu schaffen.
Führung wirkt deshalb nicht nur über das, was wir sagen. Sie wirkt mindestens genauso stark über das, was wir vorleben - "Walk the Talk".
🤷♂️ Die interessante Frage lautet also nicht nur: „Wie führe ich mein Team?“ Sondern auch: „Wie führe ich mich selbst, wenn es schwierig wird? - im Moment der Wahrheit“
Die eigenen Muster erkennen
Viele unserer Verhaltensweisen entstehen nicht erst in der aktuellen beruflichen Situation. Wir bringen Erfahrungen, Überzeugungen und innere Antreiber mit.
Vielleicht kennst du Gedanken wie:
„Ich muss das selbst lösen.“
„Ich darf keine Schwäche zeigen.“
„Ich muss es allen recht machen.“
„Es muss perfekt sein.“
„Ich darf niemanden enttäuschen.“
Solche inneren (Glaubens-)Sätze können uns lange antreiben. Sie können uns leistungsfähig, zuverlässig und erfolgreich machen. Gleichzeitig können sie irgendwann zu einer Belastung werden, wenn sie keine Ausnahmen mehr zulassen.
Ein hoher Qualitätsanspruch kann eine Stärke sein. Wenn aus „Ich möchte gute Arbeit leisten“ jedoch „Es darf niemals ein Fehler passieren“ wird, verändert sich etwas.
Genau hier beginnt Persönlichkeitsentwicklung: nicht indem wir Eigenschaften einfach loswerden, sondern indem wir verstehen, wann sie uns helfen – und wann sie uns begrenzen.
Selbstführung bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen
Es ist leicht, unsere Stimmung vollständig an äussere Umstände zu koppeln. Der Kunde ist schwierig. Das Team funktioniert nicht. Der Chef kommuniziert schlecht. Der Kalender ist zu voll.
All diese Dinge können stimmen. Und trotzdem bleibt eine Frage: Welchen Teil davon kann ich beeinflussen?
Selbstführung bedeutet nicht, für alles verantwortlich zu sein. Sie bedeutet, Verantwortung für den eigenen Einflussbereich zu übernehmen.
Vielleicht kann ich den schwierigen Kunden nicht verändern. Aber ich kann entscheiden, welche Grenzen ich setze. Vielleicht kann ich die Erwartungen meines Vorgesetzten nicht bestimmen. Aber ich kann sie ansprechen. Vielleicht kann ich den vollen Kalender heute nicht komplett leeren. Aber ich kann hinterfragen, warum ich zu so vielen Dingen Ja gesagt habe.
💡 Verantwortung beginnt dort, wo wir aufhören, ausschliesslich auf Veränderung im Aussen zu warten.
Vier Fragen für mehr Selbstführung im Alltag
Wenn du merkst, dass du gerade nur noch reagierst, können vier einfache Fragen helfen:
1. Was passiert gerade in mir? Welche Gedanken, Gefühle oder körperlichen Signale nehme ich wahr?
2. Welches Muster wird gerade aktiviert? Will ich kontrollieren, gefallen, vermeiden, kämpfen oder alles alleine lösen?
3. Was brauche ich in dieser Situation wirklich? Mehr Klarheit? Eine Grenze? Unterstützung? Zeit? Ein Gespräch?
4. Wie möchte ich bewusst handeln?
Nicht: Was mache ich automatisch? Sondern: Welche Reaktion entspricht der Person und Führungskraft, die ich sein möchte?
Diese Fragen lösen nicht jedes Problem. Aber sie helfen vielleicht mal die Perspektive zu ändern.
Gute Selbstführung ist keine permanente Selbstkontrolle
Für mich ist das ein wichtiger Unterschied. Selbstführung bedeutet nicht, immer souverän, ruhig und kontrolliert sein zu müssen. Auch Führungskräfte dürfen überfordert, unsicher, enttäuscht oder wütend sein. Entscheidend ist eher, ob wir diese Zustände wahrnehmen und konstruktiv mit ihnen umgehen können.
Manchmal bedeutet gute Selbstführung, eine Entscheidung zu treffen - auch mal schlechte. Manchmal bedeutet sie, eine Nacht darüber zu schlafen. Manchmal bedeutet sie, um Unterstützung zu bitten. Und manchmal bedeutet sie schlicht, zuzugeben: „Ich weiss es gerade nicht.“
Paradoxerweise entsteht innere Stärke häufig genau dann, wenn wir nicht mehr versuchen, permanent stark wirken zu müssen.
Führung beginnt innen
Methoden für Mitarbeitergespräche, Konfliktmanagement oder Delegation können sehr hilfreich sein. Doch keine Methode nimmt uns die Auseinandersetzung mit uns selbst ab.
Denn am Ende bringen wir unsere Persönlichkeit in jede Führungsbeziehung mit.
Unsere Erfahrungen. Unsere Ängste. Unsere Werte. Unsere Antreiber. Unsere Stärken. Und unsere blinden Flecken.
Je besser wir unsere Seiten kennen, desto (selbst)bewusster können wir andere führen.
♾️ Die Führungsfrage sollte nicht lauten: „Wie bekomme ich andere dazu, sich zu verändern?“
Sondern: „Was kann ich mit meinem Verhalten beitragen, damit Veränderung überhaupt möglich wird?“
🤷♂️ Wie führst du, wenn niemand zuschaut?
Weitere Impulse zu Business Coaching, Führung und Persönlichkeitsentwicklung findest du im Blog von Trust in You.

Kommentare